• Susanne Wesner

Minimum Viable Product - das MVP stellt sich vor

MVP oder Minimum Viable Product ist wohl eines der am meisten missverstandenen Konzepte im Kontext agiler Produktentwicklung. Von Stakeholdern und Kunden oft gefürchtet, von Product Ownern oft falsch verstanden, muss es stets gegen das Stigma der Unvollkommenheit ankämpfen.


Wofür steht nun ein Minimum Viable Product?

Minimum ist klar, wenn auch nicht zwingend positiv belegt. Viable? Übersetzt bedeutet das "machbar", "durchführbar" aber auch "brauchbar". Also ein Minimal-Produkt, dass brauchbar ist. Emotional löst diese Erklärung jetzt nicht zwingend Begeisterungsstürme aus. Ich bekomme also ein Produkt, dass brauchbar aber nicht schick ist?


Jein. Beim MVP geht es eben nicht darum, Dinge wie ein gutes Design und sinnvolle UX erstmal wegzulassen, sondern sehr genau darüber nachzudenken, was mein Produkt wirklich braucht, damit es dem Nutzer einen Mehrwert bietet.

Ursprünglich ist das Konzept des Minimum Viable Products aus dem Wunsch entstanden, möglichst schnell Feedback von echten Nutzern zu bekommen. Daraus ergibt sich die Chance, Fehlentwicklungen früh zu erkennen und entsprechend nachzustehen.


In der freien Wildbahn wird das MVP aber häufig dazu genutzt, zu knappe Budgets, zu wenig Resources und zu enge Timelines zu kompensieren. Aus meiner Sicht ist da auch gar nichts ehrenrühriges dran, solange man die eigentliche Idee des "brauchbar" dabei nicht über Bord wirft.


Ein simples Beispiel für ein MVP in einem Projekt mit fixer Deadline

Ich bin eine berufstätige Mutter. Das bedeutet, dass meine Kinder zum Kuchenbasar für gewöhnlich statt Cake-Pop-Kunstwerken nur Rührkuchen beizusteuern hatten - womit wir alle ziemlich gut leben können. Dennoch waren mir ein paar Dinge immer besonders wichtig für meine ganz persönlichen Mutterstolz. Neben einer sinnvoll gefüllten Brotdose gehörten dazu auch selbstgenähte Faschingskostüme.


Die Faschingsfeier in der Schule hat einen festen Termin. Der nimmt keine Rücksicht auf meinen Terminkalender und wird auch nicht verschoben. Nie. Und die Nacht vor der Party ist auch nicht länger, als alle anderen Nächte im Jahr. Und am Abend vorher war ein Kostüm nur sehr selten fertig.


Ich könnte jetzt das Budget erhöhen und ein Kostüm kaufen, was allerdings am Abend vorher auch kein leichtes Unterfangen ist. Außerdem würde ich meinem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht werden. Die Qualität möchte ich natürlich auch nicht signifikant nach unten drehen. Welche Mutter möchte nicht, dass ihre Kinder die originellsten sind auf dem Faschingsball. Bleibt also nur noch der Projektumfang, an dem ich schrauben kann.


Wie das praktisch aussehen kann, möchte ich am Beispiel dieser Prinzessin zeigen.


Minimal Viable Product - Prinzessinen Kleid

Das Kleid besteht aus einem Rock, einem gerafften Überrock, einem verzierten Oberteil und Ärmeln. Damit es "viable" - also brauchbar - ist, muss es wenigstens ein Oberteil, einen Rock und Ärmel haben. Also habe ich damit begonnen.


Ich habe zuerst das Oberteil genäht, weil es vom Schnitt her am kompliziertesten war. Damit war das Risiko, dass ich hier an die Grenzen meiner bescheidenen Schneiderkünste stoße, besonders hoch. Glücklicherweise hat das ganz gut geklappt.


Als das erfolgreich geschafft war, habe ich mich an die Ärmel gemacht. Hier bin ich dann tatsächlich an meine Grenzen gestoßen. Eigentlich sollte das Kleid üppige Puffärmel bekommen, die mir aber einfach nicht gelingen wollten. Inzwischen war es fast zehn Uhr am Abend und die Deadline bedrohlich nah. Also wurden aus den Puffärmeln kurzer Hand Träger. Auch ein Träger erfüllt die gewünschte Funktion - das Kleid rutscht nicht herunter -, bedeutet aber deutlich weniger Aufwand. Deshalb ist es übrigens so wichtig, in einer User Story immer auch den gewünschten Nutzen zu formulieren. So kann hat man die Chance einen kürzeren Weg nach Rom zu finden ;-)


Nachdem also "obenherum" alles fertig war, habe ich mich an den Rock gemacht. So einen Rock zu nähen ist ziemlich einfach und ich habe es schon viele Male gemacht. Das ging also fix von der Hand.


Kurz vor 23 Uhr war mein erstes MVP dann fertig. Meine Tochter hätte damit zum Fasching gehen können, ohne dass sie sich hätte dafür schämen müssen.



Minimal Viable Product - Featureübersicht


Motiviert durch diesen Erfolg habe ich alle meine Energiereserven aktiviert und mein MVP noch mehrmals überarbeitet. Zunächst habe ich den Überrock hinzugefügt, dann den Zierrat am Oberteil. In der letzten Iteration habe ich schließlich Raffungen am Überrock eingearbeitet und kleine Stoffröschen aufgenäht. Kurz nach Mitternacht war mein Projekt "Prinzessin" abgeschlossen.


Fassen wir nochmal zusammen

  • Ein MVP muss brauchbar sein. Ein Kleid braucht irgendeine Form von Ärmeln, sonst rutscht es runter. Das dürfen aber auch einfache Träger sein.

  • Sich erstmal nur auf ein MVP zu konzentrieren erfordert Disziplin und Mut. Ich hätte viel lieber schon ganz am Anfang die putzigen Röschen aufgenäht, um sicher zu gehen, dass sie wirklich am Ende da sind.

  • Ein MVP wird iterativ verbessert oder erweitert. Brauchbar wäre das Kostüm auch ohne den güldenen Überrock. Mit ist es trotzdem cooler ;-)

Eine sehr schöne und pragmatische Möglichkeit, Verständnis für das Konzept des Minimum Viable Products zu schaffen ist übrigens die Übung mit der Morgenroutine, die wir gern in unseren Trainings verwenden.

Jeder Teilnehmer schreibt dazu seine tägliche Morgenroutine auf, vom Augen aufschlagen bis zu dem Zeitpunkt, an dem er das Haus verlässt. In einer zweiten Runde werden die Teilnehmer gebeten, das ganze noch einmal zu tun. Diesmal allerdings unter der Maßgabe, dass sie verschlafen haben und in spätestens zehn Minuten aus dem Haus müssen. Im zweiten Szenario haben die meisten Teilnehmer noch keinen Kaffee gehabt, wenn sie das Haus verlassen. Aber ich habe es auch noch nie erlebt, dass jemand nackt vor der Tür stand ;-)

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