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Agil ist tot.

Das habe ich kürzlich von einem desillusionierten Scrum Master bei einem Kunden gehört. In seinem konkreten Fall gibt es in Unternehmen eine kleine, agil arbeitende IT-Mannschaft, eingebettet in eine klassische Unternehmensstruktur. Aber was ist eigentlich „agil“ und was „klassisch“?


In vielen Organisationen bekommt man auf die Frage nach agilen Arbeitsweisen nicht selten ein Augenrollen zurück. Zu viele Workshops mit bunten Sticky Notes. Zu viele Boards, auf denen viel sichtbar wird, aber wenig wirklich vorangeht. Zu viele Daily Stand-ups, in denen Menschen erzählen, was auch per Mail hätte passieren können. Und zu viele Transformationen, die vor allem Sprache verändert haben, aber nicht die Art, wie Entscheidungen getroffen werden.


Das Stereotyp für klassisch ist dagegen geprägt von Struktur, von allumfassenden Konzepten, konkreten Stellenbeschreibungen und klaren Freigabestrukturen. Jede und jeder weiß genau, was wann wie zu tun ist. Das Unternehmen als gut geölte Maschine. Wir wissen genau was hinten rausfällt. Nur leider wissen wir in Zeiten geopolitischer Unsicherheit, instabiler Lieferketten und volatiler Märkte oft genug nicht, was vorn reinkommt. Damit hilft unsere gut geölte Maschine – selbst wenn sie tatsächlich genau gemäß Vorgabe funktioniert – nur bedingt weiter. Verlockend ist der Gedanke an die Form von Zuverlässigkeit dennoch allemal. Auch wenn es Zuverlässig und Stabilität nur simuliert.


Ist Agilität also tot?


Vielleicht ist das gar nicht die richtige Frage. Vielleicht sollten wir eher fragen: War das, was viele Organisationen unter Agilität verstanden haben, überhaupt jemals lebendig?


Agilität war nie nur Methode

In unserem Kundenkosmos kann ich zwei Lager erkennen. Die einen, die die Idee hinter dem Hype verstanden haben, arbeiten jetzt ganz unaufgeregt mit dem, was in der Berater- und Coaching-Szene gern unter „agiles Mindset“ zusammengefasst wird. Dort werden ungeniert Scrum-Rituale angepasst, Methoden und Formate miteinander verschmolzen oder auch eigene entwickelt. Und niemanden interessiert, ob das jetzt „agil“ heißt oder „klassisch“ oder „hybrid“ oder wie auch immer.


Dann gibt es die Organisationen, in denen Agilität vor allem über ihre sichtbaren Werkzeuge eingeführt wurde: Kanban-Boards, Sprints, Retrospektiven, Rollenmodelle, Planning Poker, Taskkarten, Timeboxes.


Das ist nicht falsch und es hilft einen schnellen Einstieg ins Thema zu erreichen. Methoden lassen sich leichter trainieren, einkaufen und ausrollen als Haltung, Entscheidungslogik oder Führungskultur. Es darf nur nicht dort enden. Denn Agilität war ursprünglich keine Sammlung hübscher Workshopformate, sondern eine Antwort auf ein strukturelles Problem:


Wie bleiben Organisationen unter Unsicherheit handlungsfähig, ohne so zu tun, als ließe sich alles vollständig planen?


Es geht um Lernfähigkeit, kurze Feedbackschleifen, geteilte Verantwortung, Priorisierung, Transparenz über Arbeit und Risiken und den Mut, Annahmen regelmäßig zu überprüfen.

Oder anders gesagt: Agilität ist nicht die Abwesenheit von Struktur. Sie ist eine andere Form von Struktur.


Warum die Kritik dennoch berechtigt ist

Wer Agilität heute kritisch sieht, liegt nicht automatisch falsch. Viele Vorbehalte kommen aus einer Erfahrung, die es anzuerkennen gilt.


  • Wenn Teams mit zusätzlichen Meetings belastet werden, aber keinen größeren Entscheidungsspielraum bekommen, entsteht keine Agilität, sondern nur mehr Koordinationsaufwand.

  • Wenn Führungskräfte „Selbstorganisation“ fordern, aber nicht erklären, was sie darunter verstehen, entsteht keine Verantwortung, sondern Verwirrung.

  • Wenn Backlogs wachsen, aber Prioritäten ungeklärt bleiben, wird Arbeit nicht steuerbarer, sondern nur besser dokumentiert.

  • Und wenn Retrospektiven immer wieder dieselben Probleme zeigen, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen etwas ändert, verlieren Menschen irgendwann den Glauben an das Format.


Agilität leidet also nicht nur unter Missverständnissen. Sie leidet auch unter halbherzigen Umsetzungen. Der Frust richtet sich dabei oft gegen eine vereinfachte Version von Agilität: gegen methodische Oberflächen, gegen Transformationsrhetorik und gegen Beteiligung ohne Konsequenz. Nicht zwingend gegen die eigentlichen Prinzipien.


Warum Agilität trotzdem gebraucht wird

Gleichzeitig sind die Bedingungen heute nicht einfacher geworden. Im Gegenteil.

Technologische Entwicklungen beschleunigen sich. Regulatorische Anforderungen nehmen zu. Cybersecurity ist längst nicht mehr nur ein IT-Thema, das mit einer Firewall und einem Servicevertrag abgefrühstückt werden kann. Demografische Entwicklungen und Fachkräftemangel verändern Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Lieferketten, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheit machen langfristige Planung mindestens schwieriger. Dazu kommt eine Arbeitswelt, in der Zusammenarbeit und organisationale Bindung immer wieder neu austariert werden müssen.

Das sind keine Herausforderungen, die man mit mehr Detailplanung und ausgefeilteren Betriebsvereinbarungen allein lösen kann.


Natürlich brauchen Organisationen Planung, Budgets, Verantwortlichkeiten, Standards und Verlässlichkeit. Aber sie brauchen eben auch die Fähigkeit, auf neue Informationen zu reagieren, ohne bei jeder Abweichung von der Norm in den Ausnahmezustand zu rutschen. Ich bin überzeugt: Hier hat Agilität weiterhin etwas anzubieten.

Nur eben nicht als Heilsversprechen oder als kulturelle Tapete, sondern als ein Denk- und Arbeitsmodell für Organisationen, die mit Komplexität umgehen müssen.


Erwachsen statt bunt

Vielleicht ist Agilität also nicht tot, sondern aus der Phase des Hypes, der sich vor allem über Sichtbarkeit, Energie und methodische Frische verkauft, herausgewachsen.

Erwachsene Agilität muss nicht mehr beweisen, dass sie anders aussieht als klassische Organisationsformen. Sie muss zeigen, dass sie bessere Entscheidungen ermöglicht.

Dann geht es weniger um die Frage, ob ein Team Scrum „richtig“ macht. Spannender ist: Gibt es einen klaren Mechanismus, mit dem neue Erkenntnisse in Entscheidungen übersetzt werden? Werden Prioritäten aktiv geklärt oder nur gesammelt? Haben Teams genug Kontext, um sinnvoll selbstorganisiert arbeiten zu können? Gibt es Feedbackschleifen, die wirklich etwas verändern?

Das klingt weniger nach Post-it-Wand und mehr nach Organisationsdesign. Genau das ist der Punkt.


Agilität wird erwachsen, wenn sie nicht mehr als Methode verstanden wird, sondern als Fähigkeit einer Organisation, unter Unsicherheit wirksam zu bleiben.

Dazu gehört auch, Widersprüche auszuhalten. Agile Organisationen sind nicht grenzenlos flexibel. Sie brauchen Leitplanken. Sie sind nicht hierarchiefrei. Sie brauchen klare Entscheidungen. Sie sind nicht planlos. Sie planen nur anders: iterativer, näher an der Realität und mit mehr Lernschleifen.


Was Organisationen prüfen sollten

Die Frage „Agil oder nicht agil?“ führt deshalb aus meiner Sicht in die falsche Richtung. Sie klingt, als ginge es um ein Etikett. Hilfreicher wäre eine nüchterne Bestandsaufnahme:


  • Wo arbeiten wir unter hoher Unsicherheit und brauchen kurze Lernzyklen?

  • Wo tun wir so, als hätten wir Klarheit, obwohl wir eigentlich nur Annahmen haben?

  • Wo erzeugen unsere Prozesse Verlässlichkeit, und wo nur Verzögerung?

  • Wo sprechen wir von Verantwortung, ohne Entscheidungsspielräume zu klären?

  • Wo sammeln wir Feedback, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen?


Solche Fragen sind weniger glamourös als ein Transformationsprogramm, aber sie sind vermutlich wirksamer.

Die Zukunft von Agilität entscheidet sich nicht daran, ob Organisationen weiterhin agile Begriffe verwenden. Sie entscheidet sich daran, ob sie die darunterliegenden Prinzipien ernst nehmen: Kundennähe, Lernfähigkeit, Transparenz, Priorisierung, Anpassungsfähigkeit und Verantwortung. Und am Ende ist es völlig egal, welchen Namen das Kind hat. Wichtig ist und bleibt das Ergebnis.


Fazit

Agilität ist nicht tot. Aber die naive Vorstellung, man könne Organisationen mit Methoden, Rollen und Workshopästhetik allein beweglicher machen, hat zu Recht an Glaubwürdigkeit verloren.

Das ist kein Verlust. Es ist eine Chance.

Denn wenn Agilität die Phase der Überhöhung hinter sich lässt, kann sie wieder das werden, was sie im Kern immer war: eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wie Organisationen in einer unsicheren Welt handlungsfähig bleiben.

Weniger bunt, weniger laut und mit weniger Heilsversprechen, dafür aber erwachsener.


👉 Wir unterstützen dich gern dabei, herauszufinden, wieviel Agilität eurer Organisation gut tut:

Buche unverbindlich einen Kurzcheck und lass uns gemeinsam auf Eure Struktur schauen.


Wir helfen Euch gern mit Training, Coaching und Beratung.



 
 
 

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