• Susanne Wesner

Herausforderung Home Office

Wir haben es uns immer gewünscht, das Home Office. Sich die alltägliche Rushhour sparen, zwischendurch schnell mal eine Maschine Wäsche machen und die Aufgaben entsprechend des eigenen Biorhythmus abarbeiten. Klingt, wie der Himmel auf Erden. Nur der Arbeitgeber wollte nicht so richtig mitspielen. Wer weiß, was die Leute da so treiben, zuhause. Jetzt muss er. Und wir auch. Aber müssen und wollen sind zwei verschiedene Paar Schuhe.


Die Kehrseite des Arbeitens von zu Hause


Das Arbeiten im Büro steckt einen festen Rahmen ab und gibt so auch eine gewisse Sicherheit. Ich piepse mich morgens ein und zur Pause wieder aus. Dazwischen ist Arbeitszeit. Und ja, es kommt schon mal vor, dass ich mich in der Kaffeeküche mit einer Kollegin (oder einem Kollegen) 20 Minuten festquatsche. Das verbuche ich dann unter Socialising und gut. Kommt ja schließlich auch nicht dreimal am Tag vor. Und wenn gerade Stress ist, gar nicht. Anwesenheit und Organisationsstrukturen bieten Stabilität und Orientierung.


Im Home Office dagegen ist der Freiheitsgrad deutlich höher. Niemand kann direkt beobachten was ich wann und wie lange tue. Bei mir führt das dazu, dass ich immer eine Art inneren Sittenwächter im Hinterkopf habe. Bei jedem Handgriff hinterfrage ich mich: Ist das noch Arbeit? Ist der Blogbeitrag, den ich gerade lese, noch relevant genug, um unter Arbeit zu fallen, oder ist das schon Privatvergnügen? Wie lange darf das Gespräch mit meinem Mann dauern? Wieviel habe ich heute überhaupt gearbeitet? Waren das acht Stunden? Egal, ich setze mich am Abend nochmal eine Stunde hin und beantworte Mails oder schreibe an einer Dokumentation, auch wenn ich eigentlich schon müde bin. Schließlich möchte ich das in mich gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen und auch im Home Office gewohnt gute Leistung abliefern. Leider geht da manchmal der Blick für das eigene Wohlergehen verloren. Der Psychologe Andreas Krause hat für dieses Verhalten übrigens den Begriff interessierte Selbstgefährdung geprägt.


Auf der Suche nach einem gesunden Maß an Selbstkontrolle


Ein erster Schritt ist, sich bewusst zu machen, dass es nicht um Zeit, sondern um Produktivität geht. Das Ergebnis ist, was zählt. Doch nur das allein reicht nicht aus. Passt das erwartete Ergebnis nicht zur eigenen (momentanen) Leistungsfähigkeit, führt das in der Regel auf direktem Wege zurück zur interessierten Selbstgefährdung.

Insbesondere unter den aktuellen Bedingungen, die mit Kinderbetreuung, fehlenden sozialen Kontakten und mangelnden Freizeitangeboten noch weitere physisch und psychisch belastende Herausforderungen mit sich bringen, ist eine realistisches Erwartungsmanagement essentiell. Hier sind auch und vor allem die Führungskräfte gefragt.


"Damit eine handelnde Person in der Lage ist, sich zwischen verschiedenen Alternativen zu entscheiden, muss sie über Ziele, Interessen oder Bedürfnisse verfügen können, die sie als Maßstab ihrer Entscheidungen einsetzt" - Helmut Pape -

Zum einen müssen Ziele und Erwartungen klar und regelmäßig kommuniziert und überprüft werden. Genau wie bei einer guten Auftragsklärung werden im gemeinsamen Gespräch die Erwartungen abgesteckt und klar formuliert. Das sollte engmaschig erfolgen, denn bedingt durch die Pandemie können sich Rahmenbedingungen schnell ändern.

Die große Herausforderung bei der Formulierung der erwarteten Ergebnisse liegt darin, die Leistungsfähigkeit unter Einbeziehung der aktuell gültigen Umstände realistisch einzuschätzen. Damit das klappt, ist Fingerspitzengefühl, Empathie und Ehrlichkeit gefragt. Und zwar auf beiden Seiten. Heldentum ist genauso fehl am Platz, wie mehr oder weniger sanfter Druck zur Auslotung der Leistungsgrenzen. Eine Möglichkeit als Führungskraft ist eine Art virtuellen Gemba Walk zu etablieren und so jedes Teammitglied mindestens einmal pro Woche in einer 1-zu-1-Situation zu sprechen und Probleme zu erfragen. Üblicherweise fokussiert sich der Gemba-Walk hauptsächlich auf Probleme im Prozess. In der aktuellen Ausnahmesituation dürfen aber gern auch persönliche Themen in den Mittelpunkt gerückt werden. Insbesondere können im gemeinsamen Dialog individuelle Lösungen für persönliche Herausforderungen wie die Betreuung kleiner Kinder oder Unterstützung beim Home Schooling gefunden werden.

Neben klaren und passenden Erwartungen kann auch ein klar strukturierter Tagesablauf helfen, besser mit den größeren Freiheiten im Home Office umzugehen ohne dabei in den Bereich der interessierten Selbstgefährdung zu geraten. Dabei kann die sogenannte Pomodoro-Technik helfen, bei der man sich einen Timer stellt und für diese Zeit dann konzentriert an einem Thema arbeitet. Und wenn der Timer rappelt, ist eine kurze Pause angesagt, denn im Home Office neigt man gern mal dazu, Pausen zu vergessen.





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