• Susanne Wesner

Entscheiden in selbstorganisierten Teams

Wer kennt das nicht? Da wird drei Stunden in großer Runde diskutiert, welches Framework denn nun das beste für die Umsetzung des Frontends ist. Es treffen Fachkompetenz, Erfahrung und persönliche Vorlieben aufeinander und die Emotionen kochen hoch. Am Ende der drei Stunden sind alle ausgepowert und die Entscheidung ist vertagt.


Die Ursachen für diese nach meinen Beobachtungen weit verbreitete Entscheidungsphobie sind ebenso vielfältig wie spannend und hätten ganz bestimmt einen eigenen Blogbeitrag verdient. Heute möchte ich mich jedoch ausnahmsweise mal nicht um die Ursachen kümmern, sondern ein paar Werkzeuge aufzeigen, die dabei helfen können, doch noch zu einer Entscheidung zu kommen. Und zwar ohne dass der Ruf nach einer Chef-Entscheidung laut wird.


Relevanz der Entscheidung richtig einordnen

Nicht selten kommt es vor, dass unter Beteiligung aller Teammitglieder Fragen diskutiert werden, die zwar einer Entscheidung bedürfen, deren Auswirkungen im Gesamtkontext betrachtet aber eher marginal sind. Oft sind das Fragen im organisatorischen Kontext, wie "Zu welcher Zeit soll das Daily stattfinden?" oder "Wollen wir lieber mit einem physischen statt mit einem digitalen Board arbeiten?"

In der Praxis zeigt sich häufig, dass gerade diese vermeintlich einfachen Fragen die größten Diskussionen nach sich ziehen. Bei genauerer Betrachtung ist das auch gar nicht weiter verwunderlich. Zu diesen Fragen hat jeder eine Meinung und es gibt per se kein richtig und falsch. Deshalb kann es manchmal helfen, zu Beginn eines Entscheidungsprozesses die Relevanz der Entscheidung unter die Lupe zu nehmen. Dazu eignet sich zum Beispiel die 10-10-10 Regel, die der amerikanischen Journalistin Suzy Welsh zugeschrieben wird:


Wie werden wir über diese Entscheidung

  • in 10 Stunden

  • in 10 Monaten

  • in 10 Jahren

denken?


Diese Frage ist schnell gestellt und holt - wie man so schön sagt - die Kirche wieder ins Dorf, wenn bei eher kleinen Themen die Emotionen mal wieder allzu hoch kochen.


Widerstandsmessung mittels systemischem Konsensieren


Manchmal sind es dann aber doch Entscheidungen mit langfristigen Auswirkungen, die herbeigeführt werden wollen, wie die Frage nach dem richtigen Framework aus der Einleitung. Hier habe ich gute Erfahrungen mit dem Systemischen Konsensieren gemacht. In einem aus vier Schritten bestehenden Prozess werden Lösungen erarbeitet und anschließend darauf getestet, wieviel Widerstand sie im Team erzeugen. Es wird also nicht nach der Lösung mit dem meisten (oder lautesten) Zuspruch gesucht, sondern nach der, die am wenigsten abgelehnt wird.


Schritt 1 - Was genau ist die Frage?

Dieser Schritt scheint auf den ersten Blick trivial zu sein. In meiner Arbeit mit verschiedenen Teams habe ich es oft erlebt, dass es zumindest keine einheitliche Vorstellung darüber gab, was genau das zu lösende Problem ist. Bei der Frage nach dem Framework könnte es zum Beispiel unterschiedliche Auffassungen darüber geben, ob die Entscheidung nur für ein Produkt oder für alle Produkte gelten soll. Es macht also Sinn, diesen Schritt ernst zu nehmen und Problem und Randbedingung für alle sichtbar zu dokumentieren.


Schritt 2 - Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?

Jetzt darf es kreativ werden. Die möglichen Lösungsansätze werden zusammengetragen und vorgestellt. Dabei sollte nicht zu früh die Schere im Kopf angesetzt werden und auch vermeintlich nicht zielführende Vorschläge sollen nicht sofort zerpflückt werden. Wenn ein Ansatz wirklich in den Augen der meisten Teilnehmer keinen Bestand hat, so wird das in der Bewertungsphase auch zu Tage treten.


Schritt 3 - Bewerten

In diesem Schritt bewertet jedes Teammitglied die in Schritt 2 gesammelten Lösungsvorschläge, indem er ihnen Widerstandswerte auf einer Skala von 0 bis 10 zuordnet. Dabei bedeutet 0 = kein Widerstand und 10 = maximaler Widerstand. Bewertet ein Teammitglied also einen Vorschlag mit einer 10, sagt es damit: "Ich lehne diesen Vorschlag entschieden ab." Je nachdem, wie vertrauensvoll das Verhältnis im Team ist, kann diese Bewertung offen oder anonym vorgenommen werden.

Das Bewerten mittels Widerstand statt Zuspruch ist für die meisten erstmal etwas kontra-intuitiv. Deshalb ist es wichtig, dass alle das Prinzip verstanden haben. Wenn Du das erste mal mit einem Team das Systemische Konsensieren ausprobierst, empfehle ich Dir deshalb, zunächst mit einem fiktiven Beispiel zu üben. Dafür eignen sich einfache Themen wie "Welche Eissorte schmeckt am besten?"

Schritt 4 - Auswertung

Der letzte Schritt ist dann nur noch stumpfe Mathematik. Die vergebenen Widerstandspunkte werden zusammengezählt und der Lösungsvorschlag mit der geringsten Anzahl an Widerstandspunkten wird zum Sieger gekürt. Ta-Da - Entscheidung getroffen.



Selbstorganisierte Teams - Systemisches Konsensieren


Dieses Verfahren wird nicht zwingend dazu führen, dass alle Beteiligten glücklich sind. Aber das ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist es, eine Entscheidung herbeizuführen, mit der alle Leben können. Die meisten Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden. Da bedeutet, dass wir nicht alle Einflussfaktoren kennen und auch nicht sicher sagen können, ob alle Annahmen zu unserer Lösung richtig sind. Deshalb sind die meisten Entscheidungen ohnehin ein Experiment und müssen früher oder später noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden.

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